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1. Anreiten
Luna
Das erste Jahr unter dem Sattel
Durch die Arbeit an der Longe ist Luna bereits gut auf das Anreiten
vorbereitet worden.
Sie hat gelernt sich ungestört durch das Reitergewicht an das Gebiss
heranzudehnen und das Gleichmaß der Bewegungen in den drei Grundgangarten
Schritt, Trab und Galopp auf dem Kreisbogen wiederzufinden.
Sie ist nun vierjährig, es ist Frühling und wir sind
bereit für das erste Aufsitzen.
An den ersten Tagen kein hohes Ziel setzen!
Hierfür dürfen wir uns trotz guter Vorbereitung kein
hohes Ziel setzen.
Luna muss erst lernen mein Gewicht zu tragen. Dazu beansprucht sie
zunächst ihre gesamte Muskulatur.
Um mein Gewicht abzufangen, haben besonders ihre Rücken-, Hals- und
Bauchmuskeln ihre Rückenwirbelbrücke zu unterstützen.
Diese Muskeln sind in der Regel bei jungen Pferden nicht stark genug.
Steifheiten im Rücken, Vorwärtsdrängen, Auflegen auf die Zügel, Stolpern
und andere Störungen in Gang und Haltung haben darin ihre Ursache.
Ich bin darauf vorbereitet, einiges davon bei Luna wiederzufinden.
An den ersten Tagen bin ich mit der Gewöhnung an das
Auf- und Absitzen und an das erste Angehen mit meinem Gewicht auf
ihrem Rücken zufrieden.
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In den ersten Monaten keine hohen Ziele sehen. "Ruhiges
stehenbleiben und Aufsteigen lassen ist schon eine hohe Anforderung!" |
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Ich lasse mich dabei von einer Freundin führen, um wirklich
ganz passiv und geschmeidig vom Sitz bleiben zu können.
In den nächsten drei Tagen vergrößern wir den Abstand
zur Pferdeführerin bis hin zum Longenabstand.
Die Zirkellinie ist Luna vertraut und sie beginnt zu traben.
Vorsichtig nehme ich die Zügel etwas auf, um im Falle eines Davonstürmens
reagieren zu können. Nichts passiert.
Ich nehme den Entlastungssitz ein und trabe leicht.
Nach einigen Runden ist Luna bereits müde, sie fällt alleine zurück
in den Schritt und wird ausgiebig gelobt. Bekannte Signale mit neuen
Signalen (Reiterhilfen) koppeln. Am Ende der ersten Woche sind wir
bereits so weit, dass ich vom Sattel aus die Signale der Longenführerin
unterstützen kann.
So lernt Luna die ersten reiterlichen Hilfen kennen:
Anreiten, Anhalten, Abwenden.
Ich nehme mir lange Zeit für diese ersten Ausbildungsziele, da sich
Luna erst daran gewöhnen muss, mich zu tragen. Sie macht zwar alles
ganz willig, brav und sichtlich neugierig gespannt mit, gerade dies
aber veranlasst einen häufig zu schnell weiterzugehen und sein Pferd
damit sowohl körperlich als auch mental zu überfordern.
Ich reite Luna in diesen ersten Wochen auch nicht jeden Tag.
Nach wie vor wird sie longiert, wir üben uns weiter in der Freiheitsdressur
und bringen so Abwechslung und Entspannung in den Arbeitsalltag.
Die Arbeit muss junge Pferde neugierig und lernbereit erhalten; sie
darf niemals zur Abstumpfung oder Gewöhnung führen. Diese Zwischentage
zwischen den Reitreprisen sind auch für eventuelle Muskelverspannungen
als Ausgleichgymnastik besonders geeignet und sie erleichtern die
Muskelbildung zum Tragen des Reitergewichtes.
Anfängliche Verspannungen von Rücken-, Hals- und Bauchmuskulatur des
Pferdes sind ganz normal. Diese Spannungen verlieren sich erst nach
und nach mit zunehmender Stärkung der Muskeln. Deswegen ist es besonders
wichtig, viele Pausen, auch beim Reiten einzulegen. Mehrmaliges Auf-
und Absitzen, Führen, zwischenzeitliches Freilaufenlassen, sich ausbuckeln
dürfen, losrennen dürfen sind wichtig für junge Pferde, um Verkrampfungen
unter dem Reitergewicht vorzubeugen.
Zur Stärkung der Rückenmuskulatur kommen wir nicht durch möglichst
langes und durch vieles Reiten. Muskeln wachsen nur dann, wenn sie
entsprechend ihrer natürlichen Funktion beansprucht werden. Zieht
man sie mit Gewalt zu einer Arbeitsleistung heran, der sie noch nicht
gewachsen sind, besteht die Gefahr von ernsthaften Schädigungen.
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Am Anfang wird das junge Pferd trachten, dem Druck des Gebisses
entgegen zu streben; ... es wird sich auf den Zügel legen. |
In dieser ersten Phase finde ich es sehr schwierig,
den gesunden Mittelweg zwischen Über- und Unterforderung zu finden.
Einerseits ist Luna gehfreudig und extrem neugierig und aufgeschlossen
für alles Neue.
Andererseits habe ich schnell das Gefühl von Müdigkeitserscheinungen.
Steige ich dann ab, tobt sie sich aber gerne aus, buckelt sich frei,
um mich dann sichtlich entspannter und fit wieder aufsitzen zu lassen.
Ihren Bewegungsdrang stille ich noch die ganzen ersten Monaten mit
vorherigem Ablongieren, Freiheitsdressur, gelegentlichem Freispringen
vor oder manchmal auch nach dem Reiten; die Reitreprisen sind kurz,
nie länger als 15 bis 20 Minuten, nach und nach steigern wir uns auf
30 Minuten, immer noch unterbrochen durch Pausen. Auch die Sattellage
eines jungen Pferdes ist noch nicht ausgeprägt genug; in den Reitpausen
muss ich häufig die Lage des Sattels korrigieren.
Die Sattellage entwickelt sich erst im Laufe der Zeit.
In der Anreitphase kann es daher auch sattelbedingte Probleme geben,
denen ich unbedingt Rechnung tragen muss. Darüber hinaus kommt es
auch zu wachstumsbedingten Störungen.
Mal wächst Luna hinten, mal vorne; irgendwo ist sie immer überbaut.
Daraus resultieren natürlich Gleichgewichtsprobleme, diese führen
zu Hinterhandproblemen und schlagen sich dann in Anlehnungsproblemen
nieder.
Dieser Prozess ist in der Jungpferde- Ausbildung ganz normal. Man
ist immer mit dem Beheben von mehr oder weniger großen Ausbildungsschwierigkeiten
beschäftigt.
In den ersten Monaten der Ausbildung trabe ich grundsätzlich im Entlastungssitz
leicht. Mein ganzes Verhalten ist zunächst darauf ausgerichtet, mich
Lunas Bewegungen geschmeidig anzupassen.
Ich lasse meine Hände tief rechts und links am Pferdehals stehen und
nehme mit den Zügeln nur einen leichten Kontakt zum Pferdemaul auf.
Um nicht in die Versuchung zu kommen zu viel mit dem Zügel zu arbeiten,
habe ich einen Strick um Lunas Hals gebunden, in den ich immer mal
hineingreifen kann, wenn sie schneller zu werden droht. Das Signal
zum langsamer werden erfolgt dann über das Schließen der Knie und
leichtes Klingeln mit den Zügeln.
Da Luna die reiterlichen Hilfen ja noch unbekannt sind, ergreife ich
noch nicht die Initiative beim Reiten, sondern beschränke mich darauf,
eine entsprechende Hilfe ihrer Reaktion folgen zu lassen, mich ihren
Bewegungen anzupassen.
Ihr Tempo reguliere ich zunächst noch mit Stimme und Gerte.
Kurze Stimmhilfen sind ihr ja schon vom Longieren her bekannt, darauf
kann ich wunderbar zurückgreifen.

Viele neue Dinge ausprobieren, die Gelassenheit und
Mut fördern. Wippen kennt Luna von der Freiarbeit her. Unter
dem Sattel macht es ihr ebenfalls Spaß.
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